Starkregen in Flensburg: Warum die Kanalisation nicht mehr ausreicht

 |  von Thomsen / Foerde.news

Der Regen vor drei Wochen war extrem - Vor allem die Neustadt ist im wahrsten Sinne abgesoffen - Archivfotos: Thomsen

Flensburg – Flensburg erlebt zunehmend Wetterextreme – das haben die jüngsten Starkregenfälle im Juli eindrucksvoll gezeigt. Besonders betroffen waren zentrale Stadtbereiche wie der ZOB, die Neustadt, die Bahnhofstraße sowie die Unterführung in Weiche. Straßen wurden zu reißenden Bächen, Keller liefen voll. Viele Bürger fragen sich: Versagt hier die Technik – oder stößt sie einfach an physikalische Grenzen?

„Die Regenmengen lagen deutlich über dem, was wir als sogenanntes 10-jährliches Regenereignis bezeichnen“, erklärt Christina Wolff, Pressesprecherin des Technischen Betriebszentrums Flensburg (TBZ). „Das bedeutet: Solche Mengen fallen statistisch gesehen seltener als einmal in zehn Jahren. Unsere Kanalisation ist für solche Extremlagen schlichtweg nicht ausgelegt.“

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Tatsächlich richten sich die technischen Standards für die Dimensionierung von Regenwasserkanälen nach Ereignissen mit einer Wiederkehrzeit von zwei bis zehn Jahren. Aus wirtschaftlicher und technischer Sicht sei eine Auslegung auf Extremregen nicht sinnvoll, so Wolff weiter: „Eine Kanalisation, die auch Starkregen mit einer Jährlichkeit von über zehn Jahren vollständig aufnehmen könnte, wäre ein gigantisches und unbezahlbares Bauprojekt – und es ist laut den anerkannten Regeln der Technik auch nicht erforderlich.“

Wenn die Kapazitäten überschritten werden, kann das Wasser nicht mehr unterirdisch abgeleitet werden. Es fließt dann oberirdisch ab – über Straßen, Gehwege und Plätze. Das sei kein Zeichen eines Defekts, sondern Teil des vorgesehenen Entwässerungskonzepts, wie Wolff betont: „Dieses Verhalten ist systembedingt. Es handelt sich dabei nicht um ein technisches Versagen, sondern um eine bewusste Notentlastung.“

Trotzdem investiert die Stadt kontinuierlich in das Kanalnetz: Rund fünf bis sieben Millionen Euro fließen jährlich in Instandhaltung, Erneuerung und den Neubau von Anlagen – und das bereits seit mehr als drei Jahrzehnten. „Wir passen die Infrastruktur regelmäßig an neue Anforderungen an, zuletzt etwa mit den aktuellen Regenmengen aus dem KOSTRA-DWD 2020“, sagt Wolff.

Auf dem Bild des Dienstleistungszentrum des Bundes für Geoinformation und Geodäsie sieht man sehr gut, wie und wohin der Regen fließt
Doch nicht nur baulich wird reagiert. Ein innovativer Ansatz zur Entlastung stark versiegelter Innenstadtbereiche ist die Schaffung sogenannter Multifunktionsflächen. Diese dienen im Alltag als Verkehrs- oder Grünflächen, können aber im Extremfall gezielt als Rückhalteräume für Wasser genutzt werden. „Das ist ein zentraler Baustein unserer Klimaanpassungsstrategie“, so die TBZ-Sprecherin.

Was viele nicht wissen: Die laufende Pflege der Infrastruktur erfolgt regelmäßig. Regenwasserkanäle werden bedarfsabhängig gespült, Sinkkästen mindestens einmal im Jahr, bei Bedarf häufiger geleert. Einlaufgitter werden im Zuge der Straßenreinigung gereinigt. „Unsere Kollegen sind im gesamten Stadtgebiet unterwegs, um die Funktion der Anlagen sicherzustellen“, betont Wolff.

Und was passiert bei akuten Starkregenereignissen? „Unsere Einsatzkräfte öffnen Sinkkästen nur dann, wenn sie durch Laub oder Müll verstopft sind. Schachtdeckel werden aus Sicherheitsgründen niemals geöffnet“, stellt sie klar.

Auch die Frage nach dem Ausbau des Kanalnetzes treibt viele Bürger um. Doch eine pauschale Antwort auf die Frage nach notwendigen Rohrdurchmessern gibt es nicht. „Die Dimensionierung erfolgt immer im Rahmen eines hydraulischen Gesamtkonzepts. Einzelne Rohrdurchmesser sagen ohne diesen Zusammenhang wenig aus“, so Wolff.

Am Ende stellt sich die grundsätzliche Frage: Wohin soll all das Wasser eigentlich? Die Antwort: in die natürlichen Gewässer der Stadt – einschließlich der Flensburger Förde. Zahlreiche Stauraumkanäle und Rückhaltebecken sorgen dafür, dass die Wassermengen verzögert abgeleitet werden. Aber auch diese Systeme stoßen bei Starkregen an ihre Grenzen.

„Es gibt nicht den einen kritischen Wert, ab dem Überflutungen sicher auftreten“, erklärt Wolff. „Gerade am Hafendamm spielt zusätzlich der Wasserstand im Hafen eine Rolle. Wenn dieser hoch ist, staut sich das Wasser schneller zurück.“

Seit 2023 betreibt die Stadt ein digitales Frühwarnsystem für Niederschlag. Dieses nutzt Radardaten und liefert eine kurzfristige Prognose für bis zu zwei Stunden. „Parallel dazu führen wir eine Simulation des Kanalnetzes durch – aktuell für ein Modellgebiet, später für das gesamte Stadtgebiet. In besonders gefährdeten Zonen wie rund um die Schiffbrücke werden wir künftig noch detaillierter berechnen können, wohin das Wasser bei Starkregen fließt und wie schnell es sich ausbreitet“, erklärt die TBZ-Pressesprecherin.

Ein Zugriff für die Öffentlichkeit sei derzeit noch nicht vorgesehen – unter anderem, weil etablierte Warnapps wie NINA oder KATWARN in Kombination mit der Starkregenhinweiskarte des Bundes bereits verlässliche Informationen bieten.

Und auch Eigentümer können einen Beitrag leisten. Wolff appelliert an die Eigenverantwortung: „Rückstauklappen, wasserdichte Lichtschächte oder erhöhte Hauseingänge können helfen, Schäden zu minimieren. Zudem dürfen bei Neubauten nur noch stark begrenzte Wassermengen in die Kanalisation eingeleitet werden – Grundstücke müssen über eigene Rückhaltemöglichkeiten verfügen.“

Wer sich informieren möchte, kann sich direkt an die TBZ-Grundstücksentwässerung wenden – oder den Leitfaden der Verbraucherzentrale nutzen. Auf der Website des Landes Schleswig-Holstein sind alle relevanten Informationen zum baulichen Starkregenschutz gebündelt abrufbar.

„Wir müssen uns als Stadt an den Klimawandel anpassen – mit einem Mix aus Technik, Planung und Eigeninitiative“, sagt Christina Wolff abschließend. „Aber selbst mit dem besten System der Welt lassen sich extreme Wetterereignisse nicht verhindern.“