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„Menschen prüfen nur dann, wenn sie zweifeln“ – Gert Postel im Interview
| von Thomsen / Foerde.news
Flensburg – Gert Postel gehört zu den bekanntesten Hochstaplern der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der gelernte Postzusteller schaffte es, ohne Medizinstudium und ohne Approbation über längere Zeit als Arzt zu arbeiten. Unter dem Namen „Dr. Dr. Clemens Bartholdy“ war er von September 1982 bis März 1983 als stellvertretender Amtsarzt im Flensburger Gesundheitsamt tätig.
Seine angeblichen akademischen Abschlüsse und beruflichen Stationen belegte er mit gefälschten Dokumenten. Aufgeflogen ist die Täuschung nicht aufgrund eines fachlichen Fehlers, sondern durch einen Zufall: Postel verlor Unterlagen, unter denen sich Ausweise mit unterschiedlichen Namen befanden. 1984 verurteilte ihn das Landgericht Flensburg zu einer einjährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung.
Damit war seine ungewöhnliche Karriere jedoch noch nicht beendet. Mitte der 1990er-Jahre gelang es Postel, unter seinem richtigen Namen eine Stelle als leitender Oberarzt im Sächsischen Krankenhaus Zschadraß anzutreten. Dort arbeitete er in der Psychiatrie, übernahm leitende Aufgaben und erstellte auch Gutachten.
Enttarnt wurde er erneut nicht durch Zweifel an seiner fachlichen Arbeit. Der Name Postel kam vielmehr bei einem privaten Gespräch zur Sprache, als die aus Flensburg stammenden Eltern einer Ärztin zu Besuch waren und sich an den früheren Fall erinnerten.
„Der beste Gutachter“
Eine bemerkenswerte Episode folgte viele Jahre später. Am 31. Mai 2012 sprach der damalige Vorsitzende Richter des Ersten Strafsenats des Bundesgerichtshofs, Armin Nack, bei einem Vortrag an der Universität Passau über psychiatrische Gutachten.
Nack berichtete von einem Verfahren, in dem Postel als Obergutachter tätig gewesen sei. Dabei äußerte der Bundesrichter den inzwischen viel zitierten Satz:
„Der Postel war der beste Gutachter – besser als die beiden gelernten Psychiater.“
Nacks Aussage ist deshalb bemerkenswert, weil sie nicht von Postel selbst, sondern von einem erfahrenen Bundesrichter stammte, der die betreffenden Gutachten aus seiner beruflichen Tätigkeit kannte. Sie wurde später vielfach als Beispiel dafür aufgegriffen, wie überzeugend Postel die Sprache und Arbeitsweise der Psychiatrie beherrschte.
Die Äußerung bedeutet allerdings nicht, dass Nack Postels Täuschungen oder seine Tätigkeit ohne medizinische Qualifikation rechtfertigte. Sie bezog sich auf die Qualität der ihm vorliegenden Gutachten.
Begegnung mit Papst Johannes Paul II.
Clemens Bartholdy beim Papst (rechts) in Rom - Foto: Privat Archiv Gert Postel
Zu den weniger bekannten Episoden in Postels Lebensgeschichte gehört eine Begegnung mit Papst Johannes Paul II. im Vatikan. Nach Postels eigener Schilderung nahm er am 1. Mai 1991 an einer Messe in der Privatkapelle des Papstes teil.
Postel berichtet, er habe damals für einige Semester katholische Theologie in Münster studiert und sei dadurch mit dem damaligen Münsteraner Bischof Reinhard Lettmann in Kontakt gekommen. Als dieser von einer geplanten Romreise erfahren habe, habe er Postel ein Empfehlungsschreiben mitgegeben. Darin sei darum gebeten worden, ihm die Teilnahme an einer Messe des Papstes in dessen Privatkapelle zu ermöglichen.
Nach der Weiterleitung des Schreibens habe Postel die Nachricht erhalten, sich am Morgen des 1. Mai 1991 an der Sant’Anna-Pforte des Vatikans bei der Schweizergarde einzufinden. Von dort sei er zu den Privatgemächern des Papstes geführt worden.
Postel schildert, dass er gemeinsam mit wenigen weiteren Anwesenden an der Messe teilnahm, aus der Hand Johannes Pauls II. die Kommunion empfing und anschließend den apostolischen Segen erhielt. Der Papst habe zudem eine mitgebrachte Bibel mit den Worten „cum benedictione“, seinem Namen und dem Datum versehen.
Postel habe Johannes Paul II. außerdem vom Suizid seiner Mutter im Jahr 1979 erzählt und ihn gebeten, für sie zu beten. Der Papst habe ihm dies zugesagt und ihm ein Kreuzzeichen auf die Stirn gemacht.
Das Interview
Herr Postel, wenn Sie heute auf Ihre Geschichte zurückblicken: Wie würden Sie selbst erklären, was damals passiert ist?
Ich würde die Bilder der Vergangenheit in meiner Fantasie reaktivieren.
Was wird in der öffentlichen Darstellung Ihrer Geschichte Ihrer Meinung nach häufig zu stark vereinfacht?
Alles. Es wird sehr gerne etikettiert und geurteilt, um sich die Mühe des Denkens zu ersparen.
Gibt es einen Teil der Geschichte, der bisher kaum oder falsch erzählt wurde?
Darüber zu sprechen, würde den Rahmen des Interviews sprengen.
Hat sich Ihr eigener Blick auf diese Zeit im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Alles unterliegt stetiger und ständiger Veränderung, so auch die Erinnerung des Menschen.
Gab es ein bestimmtes Erlebnis, das den Anstoß dazu gegeben hat?
Den Suizid meiner Mutter, der auf fulminante Behandlungsfehler zurückzuführen war.
War Ihnen am Anfang bewusst, wie weit sich die Geschichte entwickeln könnte?
Nein. Das Ganze hatte in der Folge eine Eigendynamik entwickelt.
Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass andere Menschen Ihnen diese Identität tatsächlich abnahmen?
Vom ersten Tag an. Menschen prüfen nur dann, wenn sie zweifeln.
Was hat dieses Erlebnis in Ihnen ausgelöst?
Introspektion nach 43 Jahren wird kaum ein Mensch leisten können.
Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie aufhören wollten oder tatsächlich aufgehört hätten?
Ja. Eine Rolle macht einsam und ist auf Dauer deformierend.
Welche Rolle spielten Ihre persönlichen Erfahrungen mit der Psychiatrie bei Ihrer Entscheidung?
Eine entscheidende Rolle.
War Ihre Kritik an der Psychiatrie von Anfang an ein Motiv oder entwickelte sie sich erst später?
Ich wollte den Beweis erbringen, dass Psychiatrie nichts ist als Wortakrobatik, ganz in der Nähe der Astrologie – Wind der Worte.
Wie sind Sie auf den Namen „Clemens Bartholdy“ gekommen?
Ach, phonetische und sprachästhetische Eleganz sollte der Name entfalten. „Bartholdy“ klingt wie Musik, und „Clemens“ heißt „der Sanftmütige“ – zu schön, um wahr zu sein.
Warum sollte diese Figur zwei Doktortitel tragen?
Zwei Doktorgrade machen den bürgerlichen Scharfblick endgültig blind. Man ist unantastbar.
Haben Sie als Clemens Bartholdy anders gesprochen, sich anders gekleidet oder sich anders verhalten?
Nein, ich habe mich nie verstellt.
Was konnte diese erfundene Person, was Ihnen als Gert Postel damals vielleicht nicht möglich erschien?
Sie hatte Macht. Macht ist moralisch indifferent. Man kann eine Methode nicht von ihrer Missbrauchsmöglichkeit her definieren. Das moralische Urteil fragt immer nur nach der Absicht.
Wie genau wurden Ihre Unterlagen bei Bewerbungen kontrolliert?
Offensichtlich wurden meine Unterlagen damals nicht weiter geprüft.
Könnte eine vergleichbare Geschichte Ihrer Einschätzung nach auch heute noch passieren?
Die Hochstapler sind unter uns. Die Allgegenwart der Hochstapelei mag uns mit ihr versöhnen.
Rückkehr nach Flensburg
Mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Zeit im Flensburger Gesundheitsamt kehrt Postel nun für eine öffentliche Veranstaltung in die Fördestadt zurück.
Am Freitag, 18. September 2026, wird er im Flensburger CulturGut aus seinem Buch „Doktorspiele – Geständnisse eines Hochstaplers“ lesen. Darin schildert er seinen Weg vom gelernten Postzusteller zum vermeintlichen Mediziner und leitenden Oberarzt.
Nach der Lesung möchte Postel weitere Einblicke in seine Geschichte geben und sich den Fragen des Publikums stellen. Die Lesung mit anschließendem Gespräch will er honorarfrei geben – nach seinen Worten „als Geschenk für Flensburg“.
Die Veranstaltung ist zugleich der offizielle Auftakt des neuen Flensburger True-Crime-Podcasts „Akte 249“. Das Format widmet sich wahren Kriminalfällen aus Flensburg und der Grenzregion. Die erste Folge beschäftigt sich mit dem Fall Gert Postel.
Die angehenden Podcasterinnen Jenny Nielsen sowie Alessia und Janine Andrisani werden „Akte 249“ an diesem Abend erstmals öffentlich vorstellen.
„Wir können es kaum erwarten, euch unser Podcast-Baby endlich live vorzustellen und diesen ganz besonderen Abend gemeinsam mit euch zu erleben“, erklären die drei Gastgeberinnen.
Aufgrund der großen Nachfrage wurde die Veranstaltung aus dem ursprünglich geplanten kleineren Rahmen in das Flensburger CulturGut verlegt. Durch den Wechsel stehen zusätzliche Plätze zur Verfügung. Zugleich entfällt die zunächst vorgesehene kulinarische Begleitung, wodurch der Eintrittspreis von ursprünglich 49 Euro auf 19 Euro reduziert wurde.
Bereits gekaufte Eintrittskarten behalten ihre Gültigkeit. Gäste, die zuvor den höheren Preis bezahlt haben, sollen die Differenz automatisch zurückerstattet bekommen.
Der Zeitplan am 18. September 2026
- Einlass ab 18.30 Uhr
- Beginn um 19.30 Uhr
- etwa 20 Minuten Pause mit Brezel- und Getränkeverkauf
- Ende gegen 22 Uhr
- freie Platzwahl
Tickets sind zum Preis von 19 Euro über den Vorverkauf unter www.seasabella.de/events erhältlich.
Wer Gert Postels Gedanken und aktuelle Beiträge unabhängig von der Veranstaltung verfolgen möchte, findet ihn auf X, ehemals Twitter, unter @PostelGert.
Mehr als 40 Jahre später
Mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Zeit in Flensburg wird Postels Geschichte noch immer kontrovers diskutiert. Während die einen in ihm vor allem einen verurteilten Hochstapler sehen, betrachtet er selbst sein Handeln als praktischen Beleg für seine grundsätzliche Kritik an der Psychiatrie und ihrer Fachsprache.
Förde.news hat mit Gert Postel über seine Erinnerungen, seine Motive, die Wirkung akademischer Titel und seine heutige Sicht auf die damaligen Ereignisse gesprochen. Die Antworten wurden inhaltlich nicht verändert.
