„Juden haben hier Hausverbot“: Ladenbesitzer äußert sich
| von Thomsen / Foerde.news
Flensburg – Am Mittwoch sorgte Hans Velten Reisch, Betreiber eines kleinen Fachgeschäfts in der Duburger Straße in Flensburg, für einen landesweiten Eklat: In seinem Schaufenster platzierte er ein handgeschriebenes Schild mit der Aufschrift: „Juden haben hier Hausverbot – Nichts Persönliches. Kein Antisemitismus. Kann euch nur nicht ausstehen.“
Mit dieser provokanten Botschaft löste Reisch eine Welle der Empörung aus – sowohl in den sozialen Medien als auch direkt vor Ort. Bereits am Donnerstagmorgen standen Journalisten Schlange, um mit dem Ladeninhaber zu sprechen. Nicht nur Reporter aus der Region, sondern auch überregionale Medien wie Die Welt und der NDR zeigten Interesse. Während wir von Förde.news vor Ort waren, stand Reischs Telefon kaum still.
In den sozialen Netzwerken war die Entrüstung enorm. Zahlreiche Nutzer forderten Boykotte, andere wollten wissen, um welches Geschäft es sich genau handelt – vermutlich, ohne je dort gewesen zu sein oder zuvor von dem Laden gehört zu haben. Einzelne Nutzer riefen sogar dazu auf, das Geschäft zu „beschmieren“ oder anzuzünden. Tatsächlich tauchten an der Fensterscheibe bereits Aufkleber und Graffiti mit den Aufschriften „Nazis raus“ und „Fuck Nazis“ auf.
Polizei greift ein – Staatsschutz ermittelt
Am Mittwochabend wurde die Polizei tätig. Gegen 18:45 Uhr wurde der Leitstelle Nord gemeldet, dass das besagte Schild aus dem Fenster entfernt wurde. Polizeisprecher Philipp Renoncourt erklärte gegenüber Förde.news, dass das Schild aus „gefahrenabwehrenden Gründen“ entfernt werden musste. Mittlerweile hängt das Schild, immer noch sichtbar für Kunden die im Laden kommen, an der Wand gegenüber der Eingangstür.
„Wir prüfen derzeit das Vorliegen einer Straftat“, so Renoncourt. Das Staatsschutzkommissariat ermittelt gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft. Es bestehe der Verdacht auf Volksverhetzung – eine endgültige juristische Einschätzung steht jedoch noch aus.
Der Polizei liegen aktuell vier Anzeigen zu dem Vorfall vor. Daraus wird ein gemeinsames Ermittlungsverfahren gegen Ladenbesitzer geführt.
Ein umstrittener Geschäftsmann mit klarer Meinung
Hans Velten Reisch (Foto) ist 60 Jahre alt und betreibt seit 2016 seinen Laden in der Flensburger Duburger Straße. Sein Hauptgeschäft ist der Verkauf von technischer Fachliteratur, insbesondere Original-Werkstatthandbücher für Autos und Motorräder. Zusätzlich betrieb er jahrelang einen Gothic-Shop als Nebenprojekt, der mittlerweile im Ausverkauf ist.
Reisch sieht sich selbst nicht als politisch extrem, sondern als „etwas links, etwas rechts – aber nicht radikal“, wie er betont. „Ich bin kein Nazi“, sagt er, und verweist auf den seiner Meinung nach übertriebenen Umgang mit Begriffen wie „Rassismus“ im heutigen Sprachgebrauch. „Heute bist du schon Nazi, wenn du ein Zigeunerschnitzel bestellst“, so Reisch.
Kritik an Regierung, Medien und Gesellschaft
In einem Interview mit Förde.news, am Donnerstag morgen schildert Reisch seinen Frust über Politik und Gesellschaft. Seine Aussagen kreisen um Themen wie Bürokratie, Medienberichterstattung, Nahostkonflikt, Meinungsfreiheit und persönliche Enttäuschung über das soziale Umfeld. Besonders verärgert zeigt er sich über das, was er als „Heuchelei“ der westlichen Welt im Umgang mit Israel bezeichnet.
Er selbst habe sich entschieden, keine Kunden mehr bedienen zu wollen, die seiner Meinung nach den Krieg in Israel unterstützen. „Solche Leute brauche ich hier nicht – weder geschäftlich noch privat.“ Gleichzeitig erklärt er, dass er nichts gegen Juden habe, die sich klar vom Krieg distanzieren: „Die kriegen auch ein Käffchen.“
Medienrummel überrascht ihn – Rückzug angekündigt
Vom Ausmaß der öffentlichen Aufmerksamkeit zeigt sich Reisch durchaus überrascht. „Ich hätte nie gedacht, dass das so große Wellen schlägt“, sagt er. Gleichzeitig betont er, dass das Schild ursprünglich nur für sein direktes Umfeld gedacht gewesen sei. „Ich betreibe keine Hetze, ich sag einfach nur, was ich denke.“
Trotz der laufenden Ermittlungen plant Reisch weiterhin die Schließung seines Geschäfts zum 30. September. Der Grund dafür sei nicht der aktuelle Vorfall, sondern eine Mischung aus zunehmender Bürokratie, wirtschaftlichen Unsicherheiten und allgemeinem Frust über die staatlichen Rahmenbedingungen.
Politische Reaktionen: Grüne, SPD und Europaabgeordnete empört
Der Kreisverband der Flensburger Grünen verurteilte die Aktion „auf das Schärfste“. Die grüne Kreisvorsitzende Annabell Pescher betonte: „Solche antisemitischen Provokationen dürfen nicht hingenommen werden. Flensburg ist eine vielfältige und offene Stadt. Wir stehen solidarisch an der Seite der Jüdischen Gemeinde.“ Ihr Co-Vorsitzender Falk Bednarski sagte: „Wer antisemitische Parolen verbreitet, stellt sich gegen unsere Grundwerte.“
Auch die Landtagsabgeordnete Catharina Nies zeigte sich erschüttert: „Diese Tat muss strafrechtlich verfolgt werden. Das ist kein Spaß, sondern bitterer Ernst. Das Schild ist widerlich, menschenverachtend und solche Ausgrenzungen darf es nicht geben – weder in Flensburg noch anderswo!“ Sie kündigte an, den Fall im Innen- und Rechtsausschuss des Landtags zur Sprache zu bringen.
Die Bundestagsabgeordnete Mayra Vriesema forderte Konsequenzen: „Wir müssen uns entschlossen gegen Angriffe und Hetze gegenüber jüdischen Bürgerinnen stellen. Ein Angriff auf Jüdinnen und Juden ist ein Angriff auf unsere gemeinsamen Werte.“

Während des Interviews klingelte das Telefon von Reisch Nonstop
Rasmus Andresen, Europaabgeordneter der Grünen, erklärte: „Das menschenverachtende Schild verurteile ich zutiefst. Der Oberbürgermeister muss nun prüfen, ob das Ordnungsamt tätig werden kann. Die EU muss zur Menschenrechtsunion werden, in der alle Menschen vor Diskriminierung geschützt werden.“
Auch die SPD Flensburg hat reagiert. Der SPD-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Kianusch Stender erstattete am 17. September Strafanzeige und sagte: „Antisemitismus hat in Flensburg keinen Platz. Besonders erschreckend ist, dass der Täter seinen Namen samt Telefonnummer offen preisgibt. Das zeigt, wie normalisiert Antisemitismus für manche offenbar bereits ist. Das darf niemals zur Normalität werden.“ Auch die ehemalige Oberbürgermeisterin Simone Lange erstattete ebenfalls Anzeige gegen den Besitzer.
Stender forderte zudem, dass auch das Ordnungsamt die Angelegenheit prüft – etwa im Hinblick auf Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder gewerberechtliche Verstöße.
Der Oberbürgermeister der Stadt Flensburg, Dr. Fabian Geyer, äußerte sich am Donnerstagmorgen ebenfalls mit einem deutlichen Statement:
„Das erinnert an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte und hat in dieser Stadt absolut keinen Platz.“
Weiter erklärte er: „Wir stehen als Gemeinschaft – als Verwaltung, als Stadt insgesamt – geschlossen dafür ein, dass so etwas nicht toleriert werden kann. Es handelt sich hierbei nicht um eine Meinungsäußerung, sondern um ein klares Statement gegen Jüdinnen und Juden in unserer Gesellschaft. Wir kämpfen jeden Tag dafür, dass sich solche Gedanken nicht verbreiten.“
Dass der Vorfall mehrfach bei der Polizei angezeigt wurde, bezeichnete Geyer als „absolut richtig“.
Abschließend sagte der Oberbürgermeister: „Wir müssen Haltung zeigen. Wir müssen uns solidarisieren – und das werden wir auch, mit der jüdischen Gemeinschaft hier in Flensburg.“
Gesellschaft am Scheideweg?
Der Fall Reisch wirft grundlegende Fragen auf: Wo endet freie Meinungsäußerung? Wo beginnt strafbare Hetze? Ist Reisch ein Überzeugungstäter, ein Frustbürger oder ein kalkulierender Provokateur? Während viele seine Aussagen als antisemitisch einordnen, sieht er sich selbst als Mahner – in einer Gesellschaft, die seiner Ansicht nach zunehmend blind gegenüber Missständen werde.
Die Ermittlungen laufen – ebenso wie die gesellschaftliche Debatte über Antisemitismus, Meinungsfreiheit und die Rolle der Zivilgesellschaft im Umgang mit Polarisierung.