Feriencamp auf dem Jahrmarkt: Schaustellerkinder bekommen Unterricht im Zelt

 |  von Thomsen / Foerde.news

Derzeit werden 19 Kinder und Jugendliche im Feriencamp unterrichtet - Fotos: Thomsen

Flensburg – Zwischen Karussells, Buden und Wohnwagen läuft in diesen Tagen ein besonderes Pilotprojekt: Auf dem Flensburger Jahrmarkt lernen 19 Kinder von Schaustellerfamilien in einem Feriencamp. Organisatorin Gina Reinhard und mehrere Mütter wollen damit eine Lücke schließen, die viele reisende Familien seit Jahren kennen.

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Wenn auf dem Jahrmarkt morgens noch Ruhe herrscht, beginnt im Zelt schon der Unterricht. Für die Kinder der Schaustellerfamilien ist das Feriencamp weit mehr als nur Beschäftigung in den Ferien. Es soll ihnen helfen, den ständigen Wechsel zwischen Schulen, Lehrplänen und Orten besser zu bewältigen.

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„Die Gemeinschaft ist natürlich toll, das ist super“, sagt Organisatorin Gina Reinhard. Gerade weil auf den Märkten immer wieder andere Familien zusammenkommen, entstünden schnell neue Kontakte. Kinder, die sich vorher nicht kannten, fänden oft schon nach wenigen Tagen Anschluss.

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Das Angebot richtet sich derzeit vor allem an Schulkinder. Perspektivisch denken die Organisatoren auch über ein Angebot für Kita-Kinder nach. Noch sei das aber mit großem organisatorischem Aufwand verbunden, etwa bei Betreuung und Ausstattung. Deshalb konzentriert sich das Projekt zunächst auf Jungen und Mädchen im Schulalter. Die jüngsten Kinder sind im Vorschulalter, die ältesten bereits in der siebten Klasse.

Unterstützt wird das Feriencamp von Studenten aus Flensburg. Reinhard hatte an der Universität für das Projekt geworben – mit Erfolg. Das Interesse sei so groß gewesen, dass nicht alle Bewerber zum Zuge kommen konnten. Die Helfer übernehmen nicht nur Lernphasen im Zelt, sondern sorgen auch für Bewegungspausen draußen auf dem Platz.

Entstanden ist die Idee nicht von heute auf morgen. Reinhard hatte nach eigenen Angaben schon länger verfolgt, wie ähnliche Modelle in anderen Bundesländern organisiert werden. Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern seien in diesem Bereich bereits weiter. Dort gebe es teils feste Strukturen für Kinder aus reisenden Familien.

In Schleswig-Holstein wurde das Flensburger Feriencamp nun als Pilotprojekt auf die Beine gestellt. Erst vor wenigen Wochen hätten sich mehrere Beteiligte von den Schaustellerverband Neumünster, Pascal Schaar,
Schaustellerverband Westküste, Gina Reinhard und vom  Schaustellerverband Lübeck Sascha Reich in Heide zusammengesetzt und die Umsetzung beschlossen, berichtet Reinhard. Finanziert wurde der Start auch durch Spenden aus den Reihen der Schausteller. Kollegen, Familien und ältere Angehörige hätten das Vorhaben unterstützt.

Hintergrund ist ein Problem, das viele reisende Familien nur zu gut kennen: Die Kinder besuchen häufig nur wenige Tage lang eine Schule, bevor es schon weiter zum nächsten Ort geht. Außer in längeren Standzeiten wie in Flensburg oder Kiel bleibe oft nur ein Zeitraum von vier Schultagen, ehe die nächste Ummeldung anstehe.

Nach den Erfahrungen vieler Eltern führt das dazu, dass die Kinder im Unterricht nicht immer sinnvoll eingebunden werden. Reinhard schildert, dass manche Jungen und Mädchen bislang eher mit einfachen Beschäftigungen versorgt worden seien, statt systematisch am Lernstoff weiterzuarbeiten. Deshalb wurde gemeinsam mit einer Schulleiterin aus Lunden ein Lernordner entwickelt, in dem die Materialien der Kinder gebündelt sind. So sollen sie unabhängig vom jeweiligen Schulstandort in ihrem eigenen Tempo weiterlernen können.

Die 24-jährige Studentin Liayda Saka (Titelbild) studiert auf Lehramt für Deutsch sowie Textil und Mode für das Grundschullehramt. Auf das Projekt wurde sie durch einen Aushang an der Universität aufmerksam. Sie habe sich direkt beworben, berichtet Saka – auch, weil sie aktuell Zeit habe und die Kinder gerne unterstützen wolle.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Schule am Gehölz in Lunden. Dort sind nach Angaben der Beteiligten besonders viele Schaustellerkinder gemeldet. Von dort stammt auch die Unterstützung für das neue Lernmaterial, das den Unterricht besser strukturieren soll.

Für viele Familien ist das Thema von großer Bedeutung. Joanna Tewes, selbst Schaustellerin und Mutter, beschreibt den Alltag ihrer Kinder als ständiges Pendeln zwischen Jahrmarkt und Schule. Freundschaften entstünden für viele von ihnen vor allem auf den Märkten. „Da erkennt man schon, dass sie hier leben, das ist ihr Freundeskreis“, sagt sie. Zugleich wüssten die Eltern aus eigener Erfahrung, wie schwierig die schulische Situation sei, wenn Kinder immer wieder neu in Klassen kämen.

Tewes sieht in dem Feriencamp deshalb eine wichtige Hilfe. Viele Schaustellerkinder müssten sich immer wieder in neuen Schulen zurechtfinden, während Lehrer ihre Lernstände oft kaum kennen könnten. Das Projekt sei deshalb „gewaltig“ und werde von den Familien ausdrücklich unterstützt.


Organisatorin Gina Reinhard ist stolz darauf, das die Jahrmakrtskinder auch in den Ferien neben der Freizeit auch noch lernen können

Wichtig ist den Organisatoren auch die Bezeichnung: Offiziell heißt das Angebot „Feriencamp“ und nicht „Ferienschule“. Darauf legen sie großen Wert, weil es rechtlich keine Privatschule sein dürfe. Nach Angaben der Beteiligten läuft das Projekt bislang sehr erfolgreich. Ausfälle habe es nicht gegeben, die Studenten seien zuverlässig, und auch die Resonanz der Kinder sei sehr positiv.

Die Hoffnung richtet sich nun auf das Bildungsministerium, welches sich am Dienstag sich das Camp anschaut. Gewünscht werde eine stärkere offizielle Unterstützung, etwa durch eine feste Lehrkraft für Kinder beruflich reisender Familien – also für Schausteller-, Zirkus- und Kasperkinder. Vor allem in Ferienzeiten und in den kurzen Phasen zwischen zwei Schulwechseln könne ein solches Angebot die Kinder gezielt fördern.

Das Feriencamp soll deshalb auch nach Flensburg nicht enden. Als nächster Standort ist Süderbrarup geplant – wieder in den Ferien. Ziel ist es, reisenden Kindern mehr Kontinuität beim Lernen zu geben, auch wenn ihr Alltag von Woche zu Woche an einem anderen Ort stattfindet.

Sollten Studenten oder Lehrer (auch gerne im im Ruhestand)  in den Ferien Zeit haben, dürfen sie sich gerne unter: bildung.fachberater.s-h@web.de